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Träumer und schöpferischer Extremist

Martin Luther King und dessen Ausstrahlung auf die Friedens- und Bürgerrechtsbewegung in der DDR

“Der vernünftigste aller Wege”

Als Martin Luther King 1963 im Gefängnis von Birmingham/Alabama von konservativen Geistlichen vorgeworfen wurde, ein Extremist zu sein, antwortete er ihnen mit einem Brief, den er auf Zeitungsrändern zu schreiben begann. Er bezeichnete darin Jesus, Lincoln und Jefferson als Extremisten und  schrieb, “Es ist nicht die Frage, ob wir Extremisten sein wollen, vielmehr Extremisten welcher Art ... Werden wir Extremisten für die Fortdauer der Ungerechtigkeit oder für die Ausweitung der Gerechtigkeit sein? Es mag wohl sein, daß ... die Welt schöpferische Extremisten bitter nötig hat”.

War King den einen ein Extremist, so war er anderen ein Träumer. Auch die, denen er ein Träumer war, stimmten ihm bei weitem nicht alle zu. Trotzdem bewahrheitete sich in vielen Fällen, daß die von ihm praktizierte Gewaltfreiheit der “zweckmäßigste, vernünftigste und moralisch vortrefflichste Weg” zur Lösung von gesellschaftlichen Konflikten ist.

Kings Ideen strahlten in viele Länder aus und prägen noch heute unspektakuläre, aber in kleinen Schritten und mit langem Atem geführte Kampagnen gegen Unterdrückungsstukturen in Lateinamerika und anderen Kontinenten.

In Kirchgemeinden und Friedensgruppen  der DDR spielte Martin Luther Kings Vorbild keine geringe Rolle.

Obwohl die offizielle Ideologie den bewaffneten Befreiungskampf lehrte, genoß King mit gewissen Einschränkungen auch offizielle Achtung und Sympathie. Seine Ideen wurden nicht propagiert. Aber es gab in kleiner Auflage Bücher von und über King, die von Hand zu Hand weitergegeben wurden. 1965 erschienen in dem der CDU gehörenden UNION-Verlag Kings “Warum wir nicht warten können”, 1966 in Deutsch und Englisch die Nobelpreisrede “Die neue Richtung unseres Zeitalters” und eine Kurzbiographie von Günter Wirth. Für das 1966 im Henschel-Verlag Berlin herausgegebene Buch “Blues and Trouble” von Pfarrer Dr. Theo Lehmann, Karl-Marx-Stadt, hatte Martin Luther King das Vorwort geschrieben. 1971 Coretta Kings Buch “Mein Leben mit Martin Luther King” und 1984 “Aufbruch in eine bessere Welt” von Kings Vater, Martin Luther King sr. Die Evangelische Verlagsanstalt gab 1970 eine King-Biographie von Anneliese Vahl heraus. Das interessanteste Buch über ihn aber stammte von dem sowjetischen “Iswestia”-Korrespondenten in Washington S.N. Kondraschow (VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Berlin 1972). Als Vertreter einer hochgerüsteten Supermacht bescheinigte der Kommunist dem Baptistenprediger voll großer Hochachtung: “Seine Meinung war, daß in den internationalen Beziehungen des Kernzeitalters die wahre Alternative nicht zwischen Gewalt und Gewaltlosigkeit liege, sondern zwischen Gewaltlosigkeit und  Nichtsein”.

Die Kirchenzeitungen veröffentlichten immer wieder Texte über den Bürgerrechtskämpfer. Bildende Künstler schufen Plastiken und verbreiteten massenhaft Bild- und Textgrafiken zu King.

“Hört mal gut zu, sagte Martin Luther King zu den Kindern, die auch gegen das Unrecht demonstrieren wollten - wenn ihr ins Gefängnis kommt, und damit müßt ihr rechnen, müßt ihr alles abgeben, was ihr in der Hosentasche habt. Nur eure Zahnbürste - die dürft ihr behalten.” So wurde “Die Story vom kleinen Jonny” eingeleitet, ein Song des Jugendwartes Fritz Müller. “Hast du deine Zahnbürste dabei? - du wirst sie noch gebrauchen. Noch sind heut’ nicht alle Menschen frei, die gegen Unrecht sind.”  Das Lied wurde mit Sicherheit von Tausenden Kindern und Jugendlichen in der DDR begeistert gesungen. Diaserien  des Evangelischen Jungmännerwerkes über King kursierten in Gemeindekreisen. Theophil Rothenberg schuf das Martin-Luther-King-Oratorium “Go down Moses”.
Ich selbst nutzte mein Hobby, ein 100seitiges thematisches Philatelie-Exponat “Martin Luther King - gewaltloser Kampf gegen Unterdrückung und Krieg” zu gestalten, mit dem ich seit 1970 auf Ausstellungen innerhalb der DDR, auf einer Freundschaftsausstellung in Stalingrad / Wolgograd sowie auf Weltausstellungen 1973 in Poznan und 1988 in  Prag zigtausende Besucher erreichen konnte. Das DDR-Fernsehen strahlte sogar den großen Martin-Luther-King-Dokumentarfilm “...dann war mein Leben nicht umsonst” von Ely Landau und Richard Kaplan aus.

Nach vierjährigen, teils abenteuerlichen Bemühungen war es mir 1987 gelungen, diesen Film als 16-mm-Kopie in die DDR zu bekommen. In 138 Vorführungen sahen ihn mehr als 10 000 Zuschauer, nicht gerechnet die Vorstellungen, die später das Antikriegsmuseum Berlin und das Jungmännerwerk Magdeburg mit eigenen Kopien organisierten.

Die Stasi hatte 1977 im Eröffnungsbericht zu meinem Operativen Vorgang geschrieben “daß der Verdächtige bestrebt ist, die für die kapitalistischen Verhältnisse entwickelte Kampfesform des gewaltlosen Widerstandes auf die sozialistischen Verhältnisse in der DDR zu übertragen und eine Bürgerrechtsbewegung ins Leben zu rufen”. Das war etwas hochgegriffen. Noch zwölf Jahre sollte es dauern, bis in der DDR eine Bürgerrechtsbewegung entstanden war, die die Kraft entwickelte, eine politische Wende herbeizuführen. Bis dahin hatte sich Kings Gedankengut der Gewaltfreiheit in Kirchgemeinden und Friedensgruppen längst so weit verselbständigt, daß sein Name nicht mehr ständig genannt zu werden brauchte. Es kann aber mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, daß auch für die gewaltfreie gesellschaftliche Umwälzung in der DDR Martin Luther Kings “...Leben nicht umsonst” war.

Inzwischen hat die Gewalt  das vereinigte Deutschland wieder im Griff, sei es die auf Schulhöfen, gegen Ausländer, der Eurofighter oder Bundeswehr-Auslandseinsätze. Extremisten der Liebe und der Gerechtigkeit würden dringend gebraucht. Extremisten, die auch Träumer sind. Extremisten mit einer Vision.

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